Rohstoffförderung und Energiegewinnung

Aspekte zum Braunkohlebergbau und zur Stromerzeugung

im heutigen Landkreis Schwandorf

„Als Geburtsstunde einer regionalen Elektrizitätsversorgung in Ostbayern kann man den 28. September 1908 bezeichnen, da an diesem Tag die „Bayerische Überlandcentrale AG“ in Haidhof gegründet worden ist. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, aus der in Haidhof entstehenden Braunkohle in einem Dampfkraftwerk, genannt Dampfkraftwerk Ponholz, den Strom für diese Überlandversorgung zu erzeugen." 1
In einem Zeitungsartikel der Mittelbayerischen Zeitung vom 21. Mai 1959, dem das 50jährige Bestehen der aus der BÜC (Bayerischen Überlandcentrale AG) gegründeten OBAG (Energieversorgung Ostbayern AG) vorausgegangen war, sind diese Zeilen zu lesen. Sie rufen uns heute, nahezu 100 Jahre nach dem Aufbau der ersten Stromversorgungszentrale der Oberpfalz, ins Gedächtnis zurück, dass nicht etwa in der oberpfälzischen Hauptstadt Regensburg, sondern in dem kleinen Ort Haidhof, bzw. im nahe gelegenen Ponholz, die systematische Elektrifizierung der Oberfalz begann. Das Ziegelgebäude für die Kohlenaufbereitung und die Maschinenhalle der Zentrale stehen heute noch, doch wer ist sich dessen bewusst, dass diese einst zum „Herz“ der beginnenden Stromerzeugung und Energieversorgung der Oberpfalz gehörten?

Ziegelbau des Kohleneingangslagers

Ziegelbau der Kohlenaufbereitung

Kran im Maschinenhaus

Kran im Maschinenhaus

Innerhalb der vergangenen 150 Jahre vollzogen sich in diesem ostbayerischen Regierungsbezirk industrie- und wirtschaftshistorisch interessante und gravierende Veränderungen, die wir in unserer Gegenwart auf den ersten Blick nicht mehr realisieren, da sie für uns, wie die Elektrifizierung, selbstverständlich geworden oder aber gar nicht mehr sichtbar sind. Der hiesige Braunkohlebergbau beispielsweise, der seit dem 19. Jahrhundert bis 1982 in weiten Teilen des heutigen Landkreisgebietes zum Teil im Untertage-, besonders aber im Übertagebergbau betrieben wurde, existiert heute nicht mehr, ja seine tiefen Spuren in der Landschaft sind weitgehend rekultiviert: Bei Steinberg-Wackersdorf ist eine großzügige Seenlandschaft daraus entstanden.

„Eine Hebung der Bodenschätze der heutigen Oberpfalz trat allerdings erst im Verlaufe des 19. Jahrhunderts ein und übte so einen maßgebenden Einfluss  auf die wirtschaftliche Gestaltung dieses ostbayerischen Landes aus. Zu einer besonderen Bedeutung kamen die Braunkohlevorkommen in der Oberpfalz.“2

Gerade diese Kohlevorkommen bei Ponholz und Wackersdorf waren es, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu beitrugen, eine Zentrale für die Stromversorgung in der mittleren Oberpfalz nahe der dortigen Braunkohlefelder zu planen. Damals wurde Elektrizität aus Wasserkraft und Dampfkraft (in geringerem Maße auch aus Diesel) gewonnen und als Energiequelle zunächst vor allem für die Industrie, dann aber auch für den Alltag (Landwirtschaft, Haushalt, Beleuchtung etc.) entdeckt und genutzt.

Auch wenn eine erste Idee für ein solches Werk in Ponholz bereits 1892 von einem Münchner Ingenieur in Regensburg vorgeschlagen wurde, zur Ausführung kam das Projekt erst 16 Jahre später. Als „Überlandcentrale“ sollte dieses nicht nur das Umland (Burglengenfeld, Teublitz, Maxhütte, Haidhof, Ponholz etc.), sondern die gesamte mittlere und südliche Oberpfalz, vor allem aber große Teile Regensburgs, mit Strom versorgen. Die Standortwahl erschien deswegen günstig, weil hier Kohlefelder als Energielieferanten direkt vor Ort zur Verfügung standen, das Werk bei Bedarf vergrößert werden konnte und – so Ingenieur Huber – für Regensburg auch keine Rauchbelästigung entstünde! Und ebenso sprach sich der Landshuter Strompionier Johann Weiss, der in Landshut und Niederbayern Pionierarbeit in Sachen Strom leistete, bereits 1898 für den Kraftwerk-Standort Ponholz aus.3

Zunächst aber gab es hier noch eine wichtige Alternative, einen „Konkurrenten“, der seinen eigenen Interessentenkreis hatte. Noch 1906 war nämlich auch von einem solchen Dampfkraftwerk zur Stromgewinnung bei Wackersdorf die Rede. Dort war im gleichen Jahr die „Bayerische Braunkohlen-Industrie AG“ entstanden. Nun wurde die in diesem Gebiet lagernde Braunkohle systematisch im Tagebergbau abgebaut, eine Brikettfabrik und eine Ziegelei betrieben und aus der Rohbraunkohle Gas hergestellt, welches wiederum zur Energiegewinnung genutzt werden konnte: „Das aus den ungetrockneten und ungesiebten Rohbraunkohlen von Wackersdorf-Schwandorf erzeugte Gas hat einen durchschnittlich unteren Heizwert von 1250 W. E. In dem Wackersdorfer Werk der Gesellschaft selbst wird dieses Gas zur Herstellung der elektrischen Energie mittels einer Kraftgasmaschine benutzt.“4

Es wurde als sehr wichtig erkannt,  dass die Braunkohle gleich an Ort und Stelle verarbeitet bzw. in Energie verwandelt wurde, weil sich diese für längere Transportwege nicht sonderlich gut eignete. Fr. Oertelius war sich sicher, das daher bei Wackersdorf eine „elektrische Überland-Centrale“ entstehen musste. Ausführlich beschrieb er 1906 die dort, übrigens von der Allgemeinen-Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin, geplante Technik und entsprechend groß war seine Euphorie: „Die Zeit, wo an den Gruben Jahrzehnte alte mächtige Halden von nicht zum Verkauf geeigneter Kohlen sich auftürmten, dürfte ein Ende erreicht haben (...). Dem Projekt, die nähere und weitere Umgebung von Wackersdorf mit Licht und Kraft zu versehen, liegt also der Gedanke zugrunde, die billigen Förderkohlen vom Bergwerk sowie den mit einer Mächtigkeit von ca. 5m über den Kohlen teilweise lagernden Torf der Gewerkschaft Klardorf (...) direkt ins Maschinenhaus zu transportieren, um dort selbst in elektrische Energie umzuwandeln."5

Dies war zumindest für die nächsten 25 Jahre so nicht realisierbar, denn eine solche Energiezentrale entstand schließlich exakt zwei Jahre später in Ponholz-Haidhof. Erst als dieses Werk um 1930 unrentabel geworden war, wurde es vom 1928-1930 in Dachelhofen durch die Bayernwerk AG gebauten Dampfkraftwerk abgelöst, das die Wackersdorfer Braunkohle in Energie verwandelte. So wurden zunächst von der am 5. Februar 1906 gegründeten Bayerischen-Braunkohlen-Industrie AG nur eine Brikettfabrik und eine Ziegelei betrieben, welche bereits in der Gründungsurkunde dieser Aktiengesellschaft erwähnt sind: „Ihr Gegenstand ist insbesondere der Betrieb von Braunkohlenbergbau, Brikettfabrikation und Ziegelei sowie der Erwerb und die Veräußerung von Kuxen und Anteilen von Bergwerken. Sie ist jedoch berechtigt, Auch andere Unternehmungen in jeder zulässigen Form zu errichten und sich daran zu beteiligen, wie überhaupt Geschäfte jeder Art zu betreiben.“6 Die Brikettfabrikation erfolgte dort immerhin bis 1964: 5,7 Mio. Tonnen Briketts wurden so erzeugt.

Von 1908 bis 1910 entstand daraufhin in Ponholz das Dampfkraftwerk der „Bayerische Überlandcentrale“ (BÜC), denn der Regensburger Magistrat, der dies entschied (s.u.) hatte sich für diesen und nicht für den Wackersdorfer Standort ausgesprochen. Die Verwaltung der Bayerischen Überlandcentrale war im Gebäude des Vorgängers „Oberpfälzer Braunkohlengewerkschaft Haidhof“ untergebracht, mit Sitz der Aktiengesellschaft in Regensburg: “Am 26. September wurde in Regensburg eine Aktiengesellschaft unter der Firma Bayerische Überlandcentrale-Aktiengesellschaft-Regensburg mit einem Grundkapital von 2 500 000 Mark gegründet. Das Unternehmen hat den Zweck, in Haidhof, Bezirksamt Burglengenfeld , eine elektrische Zentrale zu bauen und mittels der daselbst gewonnenen Kohle elektrische Energie für Licht- und Kraftzwecke für die nähere und weitere Umgebung zu erzeugen.“7 Wichtig waren hierfür, wie schon erwähnt, Braunkohlevorkommen, deren Qualität jedoch immer wieder von den unterschiedlichsten Gutachtern ganz verschieden eingestuft worden war. Als man dann aber 1908 eine Beurteilung der Kohle als qualitativ relativ hochwertig erhielt, galt dies für alle Befürworter des Standortes Ponholz, allen voran die „Oberpfälzer Braunkohlengewerkschaft Haidhof“, als ein positives Zeichen für die Errichtung eines Kraftwerkes. Aber erst eine gesicherte Stromabnahme durch den Ballungsraum Regensburg (vor allem durch den Industriehafen) bildeten die wirkliche Grundlage für die Bayerische Überlandcentrale, denn lediglich von der Stromversorgung des Umlandes hätte das Unternehmen nicht einmal kostendeckend arbeiten können. Zwar gab es in Regensburg bereits ein Elektrizitätswerk, dies war aber vor allem für die (elektrische) Straßenbahn gebaut worden. Ein zweites Kraftwerk war auch wegen der nicht vorhandenen Kohlevorkommen und des fehlenden Vorfluters dort nicht realisierbar.8

Ebenso lagen einige wichtige Industriebetriebe in nächster Umgebung, wie die Eisenwerksgesellschaft Maximilianshütte bei Haidhof und dann ab 1912 auch das Portlandzementwerk in Burglengenfeld, welches auf Initiative der Bayerischen Überlandcentrale hin dort errichtet worden war.9 Bereits 1914 wurden von Ponholz aus 221 Orte mit 8,5 kWh Strom versorgt und das hierfür notwendige Hochspannungsnetz war 321 km lang.10 Und gegen Ende seiner „Karriere“ sind folgende Zahlen als Leitungsnetz mit Stand vom 1. Januar 1928 festgehalten: an Haupt- und Unterverteilungsleitungen insgesamt 2210 km, angeschlossen an das Netz unmittelbar waren zu diesem Zeitpunkt: 910 Transformatorenstationen, 1600 Ortschaften mit ca. 400 000 Einwohnern, 262 000 Lampen, 15 700 Motoren (52 000 PS) und ca. 13 000 Wärmeapparate.11

Wie sah nun im ersten Drittel das 20. Jahrhunderts die Situation bezüglich Stromversorgung in der Oberpfalz generell aus? Die Nordoberpfalz wurde zunächst von zahlreichen Kleinkraftwerken versorgt, aber auch von größeren Elektrizitätserzeugern wie der Pfreimdtalsperre, und ab 1905 von den neu gegründeten „Naabwerken für Licht- und Kraftversorgung GmbH Weiden“, welche sich hier auch aufgrund der dort ansässigen großen Porzellanfabrik schnell durchsetzten konnten.12

Auch in der mittleren und südlichen Oberpfalz gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vereinzelt Kleinkraftwerke bzw. Elektrizitätswerke, die mit Hilfe von Wasserkraft, manchmal auch mit Dampf- und Dieselturbinen, Strom erzeugten, wie beispielsweise in Amberg, Sulzbach-Rosenberg und ebenso in Schwandorf. In Schwandorf war schon 1895 durch Oskar von Miller das ersten öffentliche Elektrizitätswerk in der Oberpfalz gegründet worden. Hauptgrund dürfte hier der überaus wichtige Bahnhof gewesen sein, den man entsprechend elektrisch beleuchten wollte, gab es doch an diesem zentralen Verkehrsknotenpunkt kein billiges Stadtgas. Da ein Gaswerk fehlte, waren auch von dieser Seite keine Hemmnisse zu erwarten, wie dies mancherorts, wie beispielsweise in Amberg, geschah. Ein Sonderdruck des Oberingenieurs Franz Schäfer aus dem „Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung“ zeigt noch 1910 deutlich, wie die Gaswerke ihrer neuen Konkurrenz begegnen wollten und wo sie die Schwachpunkte der Elektrizität sahen: „ (...) dass die Elektrizität trotz ihrer so oft betonten Vielseitigkeit eben doch nicht alle billigen Anforderungen und Bedürfnisse zu befriedigen vermag. In der Tat tritt dann auch, wenn man den einzelnen Fällen nachgeht, als hauptsächlichster Grund zur nachträglichen Schaffung einer Gasversorgung in der Regel das lebhafte Verlangen weiter Bevölkerungskreise nach billigerem Licht und nach Koch- und Heizgas hervor. Daneben spielt in manchen Fällen noch die Unzulänglichkeit oder die Unzuverlässigkeit der Stromversorgung eine Rolle (...). Auffallend ist ferner, dass auch die Metallfadenlampe die Forderung billigeren Lichtes nicht zum Schweigen bringen konnte.“ 13

Da es in Schwandorf damals kein Gaswerk gab, hatte der Münchner Ingenieur Oskar von Miller hier seitens dieser konkurrierenden Gegner nichts zu befürchten. Abgesehen davon war er von den Vorteilen der Elektrizität und ihren technischen Möglichkeiten so überzeugt, dass er sich wohl auch durch die Werbekampagnen der Gaswerke nicht beeindrucken ließ. So wurde schon sehr früh in einer ehemaligen Mühle zu Ettmannsdorf die Wasserkraft zur Stromerzeugung genutzt und zusätzlich Dampf- und Dieselkraft eingesetzt. Früher als in den oberpfälzer Nachbarstädten brannte daher bereits im Dezember 1895 in Schwandorf die erste öffentliche elektrische Straßenbeleuchtung. Gas als billigere Alternative zum Strom wurde dort auch fünfzehn Jahre später, als der Oberingenieur Franz Schäfer seine oben zitierten Zeilen verfasste, nicht eingesetzt.

Das Elektrizitätswerk produzierte zunächst in erster Linie für das Stadtgebiet Schwandorf Strom, die Versorgung des Umlandes der mittleren Oberpfalz konnte es jedoch auf keinen Fall leisten. Dagegen war mit Hilfe der Bayerischen Überlandcentrale auch die Elektrifizierung des Landes möglich, vor allem, weil damals zudem die technischen Voraussetzung entwickelt waren, so etwa die Technik der Hochspannung, die nun Strom über weite Distanzen vom Erzeugungsort zum Verbrauchsort transportieren konnte, und ebenso die Technik für Großkraftwerke auf Basis der Braunkohlen-Dampferzeugung (Braunkohlenkraftwerke). Letztere  musste im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts so ausgereift sein, dass eine entsprechende Stromversorgung der mittleren und südlichen Oberpfalz gewährleistet war. Die Pionierleistung, die das Dampfkraftwerk Ponholz hier erbrachte, stellte Toni Siegert, der sich in den 1980er Jahren ausführlich mit der Geschichte der ostbayerischen Elektrifizierung befasste, ganz klar heraus: „Mit dem Kraftwerk Ponholz wird ein wichtiges Kapitel deutscher Energiegeschichte eröffnet. Ponholz steht ganz am Anfang einer entscheidenden Wende in der deutschen Stromerzeugung.“ 14

Die Werksanlagen der Bayerischen Überlandcentrale hingen eng mit der seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert dort bereits bestehenden Braunkohleförderung und deren Verarbeitung zusammen: Von der ehemaligen Brikettfabrik (1897-1903) wurden die Gebäude für die Kohlenaufbereitung übernommen, und ab 1908 wurde daran angeschlossen ein Dampfkraftwerk gebaut, das im April 1910 in Betrieb ging. Die hierfür benötigte Kohle wurde zunächst weiterhin (wie zur Zeit der Brikettherstellung) im Untertagebergbau durch den Schacht Augusta gefördert, wozu qualifizierte Bergarbeiter benötigt wurden, die von der 

Bandanlage in der Kohlenaufbereitung

„Oberpfälzer Braunkohlengewerkschaft“ übernommen werden konnten. Damit war jedoch dieser Bergbau ausschließlich von der Bayerischen Überlandcentrale abhängig geworden, was anfangs noch positiv schien: Als während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts die Bedeutung des Dampfkraftwerkes zunahm, stieg auch der Bedarf an Kohle und damit die Zahl der Arbeitsplätze für Bergleute. Doch war es auf Dauer trotzdem zu aufwendig, die Kohle nur unterirdisch abzubauen, und langsam wurde hier, wie in Wackersdorf, auch der Tagebergbau betrieben.15

Das erste Hochspannungsnetz der Oberpfalz verlief von Ponholz aus durch das Regental nach Regensburg zur Walhallastraße, die Donau entlang nach Osten und dann nach Süden. Heute, in einer Zeit, in der die meisten Kabel unterirdisch verlegt sind, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie die überirdisch gespannten Leitungen und Transformatorenhäuschen Landschaft und Ortschaften prägten. Hierzu dienten zunächst mindestens 5,5 m hohe Holzmasten und ebenso Dachständer auf Häusern. Dies war nicht überall willkommen, auch wenn von Anfang an spezielle Vorschriften zum Leitungsbau eingehalten wurden. Die Genehmigungen hierfür, die beispielsweise bei einzelnen Gemeinden eingeholt werden  mussten, wurden nicht immer sofort erteilt. In einer Bekanntmachung des Regenstaufer Bürgermeisters Pfannenstiel vom 16. März 1916 wird deutlich, welche Gefahren damit tatsächlich verbunden waren: „Öffentliche Warnung: Die Starkstromleitung Haidhof-Regensburg, die Teile hiesiger Gemeindeflur durchzieht, ist unter Spannung gesetzt. Das Berühren der Leitungsdrähte ist mit großer Gefahr verbunden und kann sogar sofortige Tötung zur Folge haben. Da schon bemerkt wurde, daß die Masten der Stromleitung von Kindern erklettert werden, ergeht an alle Einwohner vorsorgliche Mahnung, die ihnen unterstellten Kinder eindringlichst zu verwarnen.“16

Viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit seitens der „Stromversorger“ war noch lange zu leisten, vor allem, weil es oft Vorurteile und Ängste bezüglich der neuen unsichtbaren Kraft gab. Noch 1927  musste Oskar von Miller mit einer gut durchdachten Werbekampagne dem bereits seit um 1910 entwickelten Elektroherd zum Durchbruch verhelfen, indem er einigen fortschrittlich gesonnenen Schwandorfer Hausfrauen zu günstigsten Konditionen Elektroherde und Strom zur Verfügung stellte. Als sie diese über einige Monate hin ausprobiert hatten, lud er Fachleute des Verbands Deutscher Ingenieure nach Schwandorf zum „Probeessen“ ein – und sie waren begeistert: die Hausfrauen vom elektrischen Kochen und die Ingenieure vom elektrisch gekochten Essen!17 Nicht nur für die schon äußerst früh erfolgte elektrische Straßenbeleuchtung, sondern auch für die Durchsetzung des Elektroherdes war es von großem Vorteil, dass es damals keine Stadtgasversorgung in Schwandorf gab. So konnte dieser Ort hier Pionierarbeit bezüglich der Einführung von Strom und Elektrogeräten leisten.

ehemalige Grube Austria

ehemalige Grube Austria heute

Doch das Zeitalter der Elektrizität war längstens angebrochen, seine Entwicklungen und Errungenschaften begannen sich trotz diverser Schwierigkeiten unaufhaltsam durchzusetzen, als bereits mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) ein folgenschwerer Einschnitt auch für das Kraftwerk Ponholz geschah. Während des Krieges wurde die Elektrizität zunächst besonders wichtig, da Petroleum kapp war. Jedoch war mit den Kriegszeiten auch ein Mangel an qualifizierten Arbeitern verbunden, weil die meisten Männer an der Front ihren Einsatz leisteten. 

Als 1917 dann bei Haidhof neue Grubenfelder über Tage erschlossen wurden, setzte man hier auch Kriegsgefangene ein, wohingegen untertage in erster Linie geschulte Bergleute notwendig waren. Der Erste Weltkrieg hinterließ im Dampfkraftwerk gravierende Spuren, denn der Mangel an Fachpersonal hatte vor allem die technische Ausstattung leiden lassen, da ihre Wartung nicht entsprechend durchgeführt worden war. So befand sich das gesamte Werk nach dem Krieg in einem relativ schlechten Zustand, zahlreiche Maschinen waren heruntergekommen und  mussten in Stand gesetzt oder ganz erneuert werden.18

Nach einem Neuanfang um 1920 kam es auch zu einer wirtschaftlichen Neuorganisation der Bayerischen Überlandcentrale, welche 1921 in einer größeren Organisation, im Kreisüberlandwerk Oberpfalz GmbH & Co., Kommanditgesellschaft aufging (an die Bayerische Überlandcentrale waren dabei vor allem die Naabwerke in Weiden angegliedert worden), die schließlich ab 1923 wiederum zu den „Oberpfalzwerken AG für Elektrizitätsversorgung Regensburg“ (OWAG) gehörten.19 Schon damals war das Bayernwerk, das um 1924 noch seinen Strom in erster Linie aus den Kraftwerken am Walchensee und der Mittleren Isar gewann, Großaktionär der OWAG. Daher wurde ab dieser Zeit Strom des Bayernwerkes günstig ins Netz dieser Oberpfälzer Stromversorgungsgesellschaft eingespeist. Damit war ein Prozess eingeleitet, der durch die verhältnismäßig hohen Kosten der Kohleförderung und –aufbereitung in Ponholz noch gesteigert wurde: Das Großkraftwerk Ponholz, einst der bedeutendste Stromlieferant der Oberpfalz, begann an Bedeutung zu verlieren. Dies alles erfolgte zu einer Zeit, als während der Zwanziger Jahre die Wirtschaft durch Inflation und Streiks zunehmend in Schwierigkeiten geriet – und dies hinterließ auch in Ponholz seine Spuren, denn auch hier wurden höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen von den Arbeitern gefordert. Der Höhepunkt der Energiegewinnung aus der Braunkohle bei Haidhof war also überschritten, das Kraftwerk dort aufgrund wirtschaftlicher, aber auch technischer Bedingungen dem Untergang geweiht. So entwickelte man bereits Mitte der 1920er Jahre Rettungsversuche, die die Bayerische Überlandcentrale nun tatsächlich der einstigen Konkurrentin Bayerische Braunkohlen-Industrie AG näher brachten: Wenn das Kraftwerk als solches schon auf Dauer nicht zu retten war, dann wollte man wenigstens am Gewinn eines neuen Werks beteiligt sein, einem Dampfkraftwerk, das bei Dachelhofen entstehen sollte, beheizt von den Kohlevorkommen bei Wackersdorf, Schwarzenfeld und Schmidgaden – doch die Finanzen hierfür waren nicht aufzubringen. Dies schaffte ein paar Jahre später 1928 schließlich die Bayernwerk AG, die im gleichen Jahr die Aktienmehrheit in der Bayerischen Braunkohlen-Industrie AG erlangte und das Kraftwerk „Else“ bei Dachelhofen 1930 in Betrieb nahm. Wichtig für diesen Standort waren nicht nur die Braunkohlevorkommen, die vor Ort mit der Bahn angeliefert werden konnten, sondern auch, dass dieses Werk wiederum in größeren Dimensionen geplant und realisiert werden konnte und dass hier auch ein Vorfluter (an der Naab) möglich war. Und damit war spätestens 1930 das Aus für die Stromerzeugung in Ponholz-Haidhof sicher: Der Kamin des Kraftwerkes wurde 1931 gesprengt.20 Eine für die ostbayerische Industriegeschichte wichtige Ära war damit zu Ende gegangen.

Am härtesten traf dies natürlich vor allem die zahlreichen Bergarbeiter, die bei Haidhof ihre Existenz gegründet hatten und nun arbeitslos geworden waren. Ihnen drohte Verarmung und Elend. So war man auch seitens der hiesigen Gemeinden sehr darauf bedacht, den Bergbau dort nicht sterben zu lassen, sondern neue Wege und Möglichkeiten zu finden. Im Jahr 1933 erfolgte dann die Neugründung der Oberpfälzischen Braunkohlewerke als GmbH, so dass ab 1934 wieder Kohle gefördert wurde, und ab 1941 baute man zudem den dort reichlich vorhandenen Ton ab. Diese Tongewinnung, die bald ausschließlich betrieben wurde (der Abbau der Kohle war 1964 völlig unrentabel geworden), führte dann zur Umbenennung des Unternehmens in „Oberpfälzische Schamotte- und Tonwerke GmbH Ponholz“. Es wurde nicht nur Ton gestochen, sondern auch Schamotte, also feuerfeste Tone für eisenverarbeitende Betriebe, produziert, welche damals auch in der Oberpfalz verstärkt benötigt wurden: die Maxhütte in Haidhof und Sulzbach-Rosenberg oder die Luitpoldhütte in Amberg als Abnehmer seien hier als Beispiele genannt. In Ponholz errichtete man daher auch Brennöfen für sogenannte „Stückschamotte“.21 Ebenso wurden Steinzeug-Rohre für die Kanalisation dort hergestellt. Aber auch dies gehört mittlerweile der Vergangenheit an.

Des einen Freud, des andern Leid: dass das Kraftwerk in Ponholz, wie ursprünglich in Erwägung gezogen, nicht ausgebaut wurde, sondern stattdessen von der Bayernwerk AG das Kraftwerk „Else“ in Dachelhofen errichtet wurde, war vor allem für die Arbeitssuchenden in Schwandorf und unmittelbarer Umgebung von Vorteil. Dieser Standort hatte für die Stromerzeugung gleich mehrere Vorteile: Die Braunkohlefelder der Bayerischen Braunkohlen-Industrie AG lagen nahe und die Kohle konnte mit der Bahn leicht herangeschafft werden (später kam sie verstärkt aus der Tschechei, vor allem, als 1982 der Braunkohleabbau in Wackersdorf eingestellt wurde), es konnte neben dem Dampfkraftwerk auch die Wasserkraft genutzt werden (Fluß Naab) und der Expansion waren keine Grenzen gesetzt. Nach einer relativ kurzen Bauzeit von knapp zwei Jahren ging das „Bayernwerk“ in Schwandorf am 9. März 1930 in Betrieb – ein wichtiger Energielieferant war entstanden und mit ihm zahlreiche Arbeitsplätze.

Inzwischen vergrößerte sich auch die Organisation der ostbayerischen Energieversorgung wieder. Am 21. Dezember 1943 schlossen sich die oberpfälzer OWAG und die weitgehend niederbayerische OSTROMAG zur „Energieversorgung Ostbayern AG“ (OBAG) zusammen, so dass ab diesem Zeitpunkt der gesamte ostbayerische Raum bestehend aus den Regierungsbezirken Oberpfalz, Niederbayern und dem südostlichen Oberbayern gemeinsam mit Energie versorgt wurde. Sitz der Hauptverwaltung dieses Unternehmens wurde Regensburg.22 Mit der Vergrößerung des Versorgungsgebiets verringerte sich gleichzeitig die Bedeutung der Stromgewinnung durch die kleineren Elektrizitätswerke vor Ort und der in der Oberpfalz vorhandenen Großkraftwerke (wie das Dampfkraftwerk in Schwandorf-Dachelhofen).

So war auch das Bayernwerk in Schwandorf trotz zahlreicher Modernisierungs- und Expansionsmaßnahmen nicht für die Ewigkeit bestimmt, denn im Jahr 2001 kam, für die hiesigen Bewohner und Arbeitnehmer des Werkes selbst schier unvorstellbar, auch das Aus für diesen Betrieb, der vom Konzern e.on übernommen worden war - seine Stillegung war 2001 schnell beschlossen! Noch dampft aus den Kaminen des Kraftwerkes der weiße Rauch und man kann sich die Silhouette Schwandorfs von Süden gesehen kaum ohne die weithin dominierenden Industriebauten und Kamine des Bayernwerkes denken – aber das ist wohl der harte Lauf der Industriegeschichte: 

Bayernwerk Schwandorf

Rohstoffe sind vorhanden, werden gefördert, tragen zur Energiegewinnung bei und bedingen dadurch die Ansiedlung von Industrie und Arbeitskräften. Dieser Prozess ist einer ständigen Veränderung und Modernisierung unterworfen, die Negatives und Positives gleichermaßen in sich birgt: die Technik entwickelt sich beständig weiter – heute leider meistens mit dem Beigeschmack einer zunehmenden Rationalisierung und Verringerung von Arbeitsplätzen. Dies wird besonders am Beispiel der Elektrifizierung des ostbayerischen Raumes deutlich, am regionalen Einzelbeispiel „Kraftwerk Ponholz“ ebenso, wie an der Gesamtentwicklung des überregionalen „Bayernwerks“. So wenig Schwandorf zur Zeit ohne „sein“ Dampfkraftwerk vorstellbar ist, so sehr ist es aus unserem Bewusstsein verschwunden, dass vor ca. 90 Jahren bei Ponholz Kühltürme eines Großkraftwerkes standen, hohe Kamine in den Himmel ragten und gleich daneben am Schacht Augusta ein Förderturm Bergleute unter Tage in die gefährliche und anstrengende Arbeitswelt des Kohlebergbaus brachte.

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1 MZ vom 21.05.1959

2 Heinrich Bingold: Die Bayerische Braunkohlen-Industrie A.-G., Schwandorf. In: Das Bayerland XXXIV, 18. März 1924, S. 312.

3 Vgl. Toni Siegert, Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden 1986, S. 20f.

4 Heinrich Bingold: Die Bayerische Braunkohlen-Industrie A.-G., Schwandorf. In: Das Bayerland XXXIV, 18. März 1924, S. 314.

5  Fr. Oertelius: Die Braunkohlen-Industrie der Oberpfalz. In: Das Bayerland. München 1906. S. 28f.

6  Gründungsurkunde der Bayerischen Braunkohlen-Industrie AG, zitiert in der Festschrift zum 60jährigen Jubiläum des Knappenvereins Wackersdorf 1968, S.31.

7  Aktenvermerk vom 4. Oktober 1908, heute im Bayerischen Staatsarchiv, Amberg, zitiert in: Strom aktuell. 75 Jahre Strom für Ostbayern.  Jubiläumsfestschrift 1983, S. 5.

8 Vgl. Toni Siegert: Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden 1986, S. 25f und S. 91.

9  Vgl.  hierzu besoners auch den Beitrag: Bayerische Überlandcentrale A.-G. Haidhof.  In: Die Industrie der Oberpfalz in Wort und Bild. Herausgegeben von der Handelskammer Regensburg 1914. S. 88ff. Hier werden auch Zahlenangaben zum Jahr 1913 gemacht und die Größe des Kraftwerkes zum damaligen Zeitpunkt genauer beschrieben, ebenso zeitgenössische Fotografien mit Innenansicht der Maschinenhalle etc. gezeigt.

10  Zahlenangaben aus: Toni Siegert: Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden ²1986, S. 26 und 101f .

11 Vgl. Dr. Philipp Arnold: Die bayerische Oberpfalz ein bedeutendes deutsches Ostgrenzgebiet. Regensburg 1928, S. 130 und S. 133.

12 Vgl. Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich. München 1927, S. 247ff.

13 Franz Schäfer: Neue Gaswerke in Versorgungsgebieten elektrischer Zentralen. Erweiterter Sonderabdruck aus dem Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung Nr. 25. München-Berlin 1910, S. 2f.

14  Toni Siegert: Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden ²1986,

S. 92.

15 Vgl. Julia Weigl: IndustrieKulturGeschichte im Landkreis Schwandorf. Regensburg 1994, S. 73f.

16  Kopie im Archiv des Oberpfälzer Volkskundemuseums, Burglengenfeld.

17  Vgl. Strom aktuell. 75 Jahre Strom für Ostbayern.  Jubiläumsfestschrift 1983, S. 10.

18  Vgl. Toni Siegert: Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden 1986, S. 103ff.

19 Vgl. Geschichten vom Strom. 75 Jahre Energieversorgung Ostbayern AG. Regensburg 1983, S. 92f.

20 Vgl. Toni Siegert, Elektrizität in Ostbayern. Die Oberpfalz von den Anfängen bis 1945. Theuern-Weiden 1986, S. 105.

21 Vgl. Julia Weigl, IndustrieKulturGeschichte im Landkreis Schwandorf. Regensburg 1994, S. 78ff.

22 Vgl. Geschichten vom Strom. 75 Jahre Energieversorgung Ostbayern AG. Regensburg 1983, S. 93.